Stationen des
Philharmonischen Chores Esslingen
aktualisiert am 21. Oktober 2010
Carl Orff
Carmina Burana
Cantiones Profanae
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Der Philharmonische Chor setzt Szenisches nur
sparsam ein. Foto: Bulgrin |
Esslinger Zeitung vom 20. Juli 2010 Spitze Spottlieder, derbe Sprüche ESSLINGEN: Philharmonischer Chor
Esslingen inszeniert Carl Orffs „Carmina Burana“ Rainer Kellmayer In welch mannigfachen Fassungen ist
Carl Orffs Meisterwerk „Carmina Burana“ nicht schon erklungen: Von der
szenischen Uraufführung im Jahr 1937 im Frankfurter Opernhaus über zahllose
rein konzertante Aufführungen, gewaltige Open-Air-Spektakel mit Lasershow und
Balletteinlagen bis hin zur Verfilmung mit großem Staraufgebot durch den
berühmten Regisseur Jean-Pierre Ponnelle. Der
Philharmonische Chor Esslingen wählte bei seiner Präsentation im Gemeindehaus
am Blarerplatz einen ganz eigenen Weg. Mit
sparsamsten szenischen Mitteln garnierte man die unverwechselbare und
rhythmisch fesselnde Orff-Vertonung von 700 Jahre alten Texten der Volks- und
Studentenlyrik aus einer Sammlung des Klosters Benediktbeuern.
Diese Musik spricht den Zuhörer in ihrer Direktheit und Klangraffinesse
unmittelbar an - hier werden Bezüge zwischen dem Mittelalter und unserer Zeit
deutlich. Das Problem der Inszenierung von Solvejg
Bauer lag im Versuch, die inhaltlich sehr unterschiedlichen Themenstränge des
Orff-Opus in eine durchgängige Handlung zu bringen. Dies gelang nur bedingt:
Zu wenig zwingend war die Dramaturgie, zu sehr blieben die Akteure in
bemühten Einzelaktionen haften. Da nützte es nur wenig, dass Rezitator Wolfgang
Layer versuchte, mit der deutschen Übersetzung der originalen Texte um die
Handlung eine Klammer zu legen. Schlagkräftige Gesangsphalanx Als Pluspunkt zu verzeichnen blieb
die Musik. Der Philharmonische Chor formierte sich, zusammen mit einem gut
präparierten Kinderchor, zur schlagkräftigen Gesangsphalanx, die jede Facette
der „Carmina Burana“ herauskitzelte. Eloquent wurde
die Liebe besungen und noch wortreicher das Trinken gepriesen - ein köstlicher
Spaß auf hohem musikalischem Niveau. Mit dem wuchtigen Eingangschor „O
Fortuna“ startete der Chor eine erlebnisreiche Reise durch spitz artikulierte
Spottgesänge, scheue Liebeslieder und derbe Trinksprüche, gewürzt mit
allerhand ironischen Momenten. Als am Ziel des musikalischen Staffellaufes erneut
„O Fortuna“ klangprächtig den Konzertsaal füllte, konnte man attestieren: Die
von Sabine Eberspächer mit sicherem Dirigat geführten Chöre hatten ihren Part
gut bewältigt, mit Ausnahme einiger Höhenlagen intonationssicher agiert und
mit Ausdruckskraft gestaltet. An Stelle der originalen Orchesterfassung hatte
Eberspächer die 1956 von Orff-Schüler Wilhelm Killmayer
erstellte Bearbeitung für zwei Klaviere und Schlagwerk gewählt. Für die musikalische
Präzisionsarbeit gebührt dem Schlagzeugensemble der
Stuttgarter Musikhochschule ein besonderes Lob: Ohne in den Vordergrund zu
drängen, agierten die Musiker mit absoluter Präsenz, rhythmischer Sicherheit
und Sinn für Klangfarben. Dem standen die Pianisten Dieter Aisenbrey und Johannes Zimmermann mit technisch souveränem
Spiel in Nichts nach. Die Gesangssolisten hingegen agierten auf recht unterschiedlichem
Niveau. Während der Tenor Christopher Kaplan durch sauberen Falsett-Einsatz
und klare Linienzeichnung überzeugte, mangelte es Claus Wild (Bariton) in der
Höhe an Strahlkraft. Aus dem Solistentrio ragte Mirella Hagen heraus. Ihre
helle Stimme legte leuchtende Klangspuren und zusammen mit dem Kinderchor
machte sie „Amor volat undique“
zum stimmlichen Erlebnis. |
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aus Singen und Stimme August 2010 |
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Carmina Burana Es besteht keine
Gefahr, dieses monumentalen Chorwerks einmal überdrüssig zu werden, weder
nach dem fast schon obligaten jährlichen Besuch in der Liederhalle, der
Schulaula oder der Gemeindehalle, noch als Ausführender nach vielen Proben.
Die szenische Kantate stammt schließlich aus den 30er Jahren des vergangenen
Jahrhunderts und nicht aus den letzten Jahrzehnten, in denen bekanntlich ein
Hit pro Musical genügte, um dafür ein eigenes Theater zu bauen und Besucher
in Omnibussen herbei zu karren. Irgendwann ist jedes Solo dieses genialen
Werks, jedes Chorstück zum Ohrwurm geworden. Wer Carl Orffs „Carmina
Burana“ aufführt, tut dies entweder mit großem Orchester oder in der
Klavier-Schlagwerk-Fassung, die auf gar keinen Fall weniger reizvoll oder –
wie manche denken – eine „Sparversion“ ist. Oh nein!!! Sie ist sogar
durchsichtiger und für einen Chor deswegen eine größere Herausforderung. Das
bewies ein brillantes Percussion-Ensemble im Gemeindehaus am Blarerplatz in Esslingen mit Präzision, Begeisterung und
einer Ausnahme-Paukensolistin. An den beiden Flügeln zwei Pianisten, die
nicht nur „den Rhythmus peitschten“, sondern ganz ganz
zärtlich die musikalische Variante des bayrischen Fensterln mit zwiefachem
und dreifachem Pianissimo beherrschten: Ein Sonderlob für Dieter Aisenbrey und Johannes Zimmermann. Eingeladen hatte der
Philharmonische Chor Esslingen unter Leitung seiner Dirigentin Sabine
Eberspächer. Dass sie sich nicht mit einer „normalen“ Carmina-Aufführung zufrieden
geben wollte, war vielen im Chor anfangs gar nicht so recht. Denn eine szenische
Aufführung, auch wenn sie nur halbszenisch sein sollte, erfordert von allen
das Singen ohne Notenblatt, das Auswendiglernen der lateinischen Verse – von
der Musik ganz abgesehen. Nach dem begeisterten Schlussapplaus sah das dann
ganz anders aus. Die bestandene Herausforderung machte doppelt stolz. Vielen
demonstrierte sie nachhaltig, dass echtes vokales Musizieren im Chor erst
beginnt, wenn das Notenblatt nicht mehr in der Hand, sondern im Kopf ist.
Erst dann ist es möglich, Bewegung im Sinne einer Regie umzusetzen und nicht
nur von einer Seite auf die nächste zu wechseln. Die Regisseurin Solvejg Bauer hatte sich viel vorgenommen – große
Vorbilder gibt es schließlich reichlich, von der szenischen Uraufführung im
Jahr 1937 am Frankfurter Opernhaus bis hin zur berühmten Filmfassung von
Jean-Pierre Ponelle. Dass die sympathische
Spielleiterin die Handlungsfäden manchmal etwas verwirrte, tat dem geschickt
inszenierten bunten Treiben auf der Bühne keinen Abbruch. Mit Laien zu arbeiten
liegt nicht jedem Regisseur, Solvejg Bauer darf es
zu ihren Fähigkeiten zählen. Die Sängerinnen und Sänger jeden Alters waren
mit Begeisterung dabei, wenn der Chor plötzlich mit Zweigen zum grünenden
Wald wurde, dem Liebespaar ein Spalier bildete oder
wenn die Männer in der Schenke vom Spielen und Trinken erzählten. Als Konzertkritiker
fällt es schwer der Versuchung zu widerstehen, auf jeden der drei
Carmina-Teile einzugehen. Die Präzision des Chores war beeindruckend, trotz
gleichzeitigem Spiel. Sabine Eberspächer hatte ihre Sängerinnen sehr gut
vorbereitet. Die Tempi stimmten, die Übergänge waren sicher, nicht nur der
Chor fühlte sich wohl. Unsichere Dirigenten können Schlagzeugern in diesem
Werk Albträume bescheren. Eine Pauke ist Schlagwerk und ein Klavier nicht minder.
Wenn die Taste angeschlagen ist, gibt es keine „Reparaturmöglichkeiten“ mehr
wie bei Streichinstrumenten. Entweder man ist zusammen oder auseinander. Die
Pianisten und Percussionisten waren immer zusammen,
und mit ihnen der Chor. Die Gesangssolisten
besaßen – so unterschiedlich ihre Rollen angelegt sind – außergewöhnliches
Format. Wann hat man je einen Schwan seine Arie durchsingen hören, ohne den falsettigen Schmerz des In-Der-Pfanne-Gebraten-Werdens im
Tonansatz. Christopher Kaplan nennt einen wunderbar leichten italienischen
Tenor sein eigen, der in einigen Jahren einen souveränen Evangelisten singen wird. Allzugerne hätte
man ihn noch ein paar Bratminuten mehr garen hören. Dass man von ihm in
Zukunft hören wird, steht außer Frage, ebenso wie von der Sopranistin MIrella Hagen. Nicht erst ihr „Dulcissime“
verursachte einem Wonneschauer und musikalische Glücksgefühle. Sie stand
schauspielerisch von Beginn an im Mittelpunkt, dominierte souverän als FORTUNA
die Szene, vom Auftritt aus dem Zuschauerraum heraus als Schicksalsgöttin,
umgeben von frechen kleinen Kindern mit „Glückspäckchen“,
bis hin zum Abgang mit dem Schicksalsrad in den Händen. Ihr warmes
Stimmtimbre bleibt im Ohr. Es wird aufregend sein, diesen beiden Künstlern in
ein paar Jahren auf großen Bühnen wieder zu begegnen. Nicht begegnen wird man
dort dem Bariton Claus Wild. Er ist Sänger im Philharmonischen Chor, von
Beruf Physiker, und mit einer farbenprächtigen warmen Stimme ausgestattet,
der man den Beruf des Sängers gewünscht hätte. Für einen Chor einen Glücksfall,
so einen Bariton in den eigenen Reihen zu haben. Nicht nur die sicher
geführte Stimme konnte sich hören, auch die schauspielerische Leistung konnte
sich sehen lassen. Der betrunkene Abt war ein Bravourstück. Und die von allen
Sängern gefürchteten hohen „g1“ in der Arie „Estuans
interius“ waren allesamt mühelos da. Der Philharmonische Chor hat mit
dieser Aufführung im Juli laut und deutlich die Sommerpause eingeläutet. Beim
nächsten Ton (Konzert) im November (28.11.) schlägt´s übrigens Vivaldi. Florian Wolf |