Die aktuelle Kritik
Esslinger Zeitung vom 20. Juli 2010
aktualisiert am 20. Juli 2010
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Der Philharmonische Chor setzt Szenisches nur
sparsam ein. Foto:
Bulgrin |
Spitze Spottlieder, derbe Sprüche ESSLINGEN: Philharmonischer Chor
Esslingen inszeniert Carl Orffs „Carmina Burana“ Rainer
Kellmayer In welch mannigfachen Fassungen ist Carl Orffs Meisterwerk „Carmina
Burana“ nicht schon erklungen: Von der szenischen Uraufführung im Jahr 1937
im Frankfurter Opernhaus über zahllose rein konzertante Aufführungen,
gewaltige Open-Air-Spektakel mit Lasershow und Balletteinlagen bis hin zur
Verfilmung mit großem Staraufgebot durch den berühmten Regisseur Jean-Pierre
Ponnelle. Der Philharmonische Chor Esslingen wählte bei seiner Präsentation
im Gemeindehaus am Blarerplatz einen ganz eigenen Weg. Mit sparsamsten
szenischen Mitteln garnierte man die unverwechselbare und rhythmisch
fesselnde Orff-Vertonung von 700 Jahre alten Texten der Volks- und
Studentenlyrik aus einer Sammlung des Klosters Benediktbeuern. Diese Musik
spricht den Zuhörer in ihrer Direktheit und Klangraffinesse unmittelbar an -
hier werden Bezüge zwischen dem Mittelalter und unserer Zeit deutlich. Das
Problem der Inszenierung von Solvejg Bauer lag im Versuch, die inhaltlich
sehr unterschiedlichen Themenstränge des Orff-Opus in eine durchgängige
Handlung zu bringen. Dies gelang nur bedingt: Zu wenig zwingend war die
Dramaturgie, zu sehr blieben die Akteure in bemühten Einzelaktionen haften.
Da nützte es nur wenig, dass Rezitator Wolfgang Layer versuchte, mit der deutschen
Übersetzung der originalen Texte um die Handlung eine Klammer zu legen. Schlagkräftige Gesangsphalanx Als Pluspunkt zu verzeichnen blieb die Musik. Der Philharmonische Chor
formierte sich, zusammen mit einem gut präparierten Kinderchor, zur
schlagkräftigen Gesangsphalanx, die jede Facette der „Carmina Burana“
herauskitzelte. Eloquent wurde die Liebe besungen und noch wortreicher das
Trinken gepriesen - ein köstlicher Spaß auf hohem musikalischem Niveau. Mit
dem wuchtigen Eingangschor „O Fortuna“ startete der
Chor eine erlebnisreiche Reise durch spitz artikulierte Spottgesänge, scheue
Liebeslieder und derbe Trinksprüche, gewürzt mit allerhand ironischen
Momenten. Als am Ziel des musikalischen Staffellaufes erneut „O Fortuna“ klangprächtig
den Konzertsaal füllte, konnte man attestieren: Die von Sabine Eberspächer
mit sicherem Dirigat geführten Chöre hatten ihren Part gut bewältigt, mit
Ausnahme einiger Höhenlagen intonationssicher agiert und mit Ausdruckskraft
gestaltet. An Stelle der originalen Orchesterfassung hatte Eberspächer die
1956 von Orff-Schüler Wilhelm Killmayer erstellte Bearbeitung für zwei Klaviere
und Schlagwerk gewählt. Für die musikalische Präzisionsarbeit gebührt dem Schlagzeugensemble
der Stuttgarter Musikhochschule ein besonderes Lob: Ohne in den Vordergrund
zu drängen, agierten die Musiker mit absoluter Präsenz, rhythmischer
Sicherheit und Sinn für Klangfarben. Dem standen die Pianisten Dieter
Aisenbrey und Johannes Zimmermann mit technisch souveränem Spiel in Nichts
nach. Die Gesangssolisten hingegen agierten auf recht unterschiedlichem
Niveau. Während der Tenor Christopher Kaplan durch sauberen Falsett-Einsatz
und klare Linienzeichnung überzeugte, mangelte es Claus Wild (Bariton) in der
Höhe an Strahlkraft. Aus dem Solistentrio ragte Mirella Hagen heraus. Ihre
helle Stimme legte leuchtende Klangspuren und zusammen mit dem Kinderchor
machte sie „Amor volat undique“ zum stimmlichen Erlebnis. |