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von Rainer Kellmayer
„Nie war ich so
fromm, als während der Zeit, da ich die Schöpfung schrieb“, soll Joseph
Haydn nach der Uraufführung seines ersten Oratoriums im April 1799 gesagt
haben. Dass diese herrliche Musik in einem Zustand höchster Inspiration entstanden
sein muss, konnten die Zuhörer bei der Aufführung durch den Philharmonischen
Chor Esslingen in der vollbesetzten Frauenkirche nachempfinden. Von seiner
zweiten Englandreise heimgekehrt und von den grandiosen Oratorien Händels
inspiriert, machte sich Haydn ans Werk und schilderte die
Schöpfungsgeschichte in einem plakativen musikalischen Bilderbuch. Er
arbeitete an dem Projekt bis zur Erschöpfung, und tatsächlich erkrankte der
Komponist nach der Uraufführung für längere Zeit.
Beeindruckendes Tongemälde
Doch ihm war ein wahrer Geniestreich gelungen: Neben der
eingängigen Melodik überzeugt insbesondere die meisterhafte musikalische
Verarbeitung des biblischen Materials. Die von Lidley nach John Miltons
religiösem Epos „Paradise lost“ geschriebene Textvorlage setzte Joseph
Haydn in ein beeindruckendes Tongemälde um. Von der chaotischen Vision des
„Nichts“ in der Einleitung über die Entstehung der Erde und Gestirne, den
naiven Lautmalereien, welche die Erschaffung der Kreaturen schildern, bis
zum paradiesischen Leben von Adam und Eva wird die Schöpfung der Welt nachgezeichnet.
Dabei berührt die geglückte Verbindung von Einfachheit und Erhabenheit in
der musikalischen Ausdeutung die Menschen auch heute noch zutiefst.
Die tragenden
Rollen sind - repräsentiert durch die Gesangssolisten - den Erzengeln
Gabriel, Uriel und Raphael sowie im dritten Teil Adam und Eva zugewiesen.
Der mit schlanker, aber leider nicht sehr tragfähiger Tenorstimme agierende
Rüdiger Knöß hatte seine stärksten Momente in den Rezitativen. Demgegenüber
machte der Bariton Wolfgang Schöne seinen Part zu einem beglückenden
Erlebnis. Wie Schöne vokalen Wohllaut verströmte, wie er jeder Silbe eine
eigene Färbung gab und wie er seinem markanten Organ in allen Registern Strahlglanz
entlockte - all dies zeichnete ihn als profilierten Meister der Stimmbänder
aus. Mit ihrem glockenhellen und stets gut geführten Sopran bereicherte
Fanie Antonelou das Solistenterzett.
Überzeugende Heerscharen
Chorleiterin Sabine Eberspächer hatte Haydns Partitur nicht
nur vor sich auf dem Pult liegen, sondern auch im Kopf abgespeichert. Mit
dieser Souveränität konnte sie die musikalischen Fäden ziehen, den Klang
aussteuern und ihre Sängerinnen und Sänger zu einer bemerkenswerten
Leistung führen. Der Chor füllte seine Rolle als „himmlische Heerscharen“
in den prächtigen Chorpartien mit beachtlichem Stimmvolumen und
punktgenauem vokalem Einsatz aus. Nach anfänglichen Präzisionsverlusten im
Zusammenspiel fanden die als Orchester fungierenden Süddeutschen
Kammersolisten mehr und mehr zur Homogenität, überzeugten durch Transparenz
im Streicherklang und herrlich geblasene Partien von Flöten und
Soloklarinette.
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